Start  |  Kabarett  |  Programme  |  Presse  |  über mich  |  Termine
» Programm: Hand aufs Hirn

Neue Westfälische vom 01.10.2014

Freunde mit Lust am Denken

Jörg Czyborra und Bernd Weidtmann färben ihr neues Programm mit Lokalkolorit

Oerlinghausen. "Denken ist die schwerste Arbeit, die es gibt", hat der amerikanische Industrielle Henry Ford einmal gesagt und ein wenig zynisch hinzugefügt: "Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, warum sich so wenige Leute damit beschäftigen." Ganz anders Bernd Weidtmann und Jörg Czyborra. Sie haben die Gehirnzellen für ihr neues literarisches Kabarettprogramm "Hand aufs Hirn!" mächtig strapaziert und das Auditorium an zwei aufeinanderfolgenden Abenden über die Lust an eben jenem Denken aufgeklärt. Mit viel Humor, versteht sich.

"Schön voll und muckelig" war es am Premierenabend in der Buchhandlung Blume, und auch die zweite Veranstaltung tags darauf im alten Pfarrhaus nahe der Alexanderkirche war ruckzuck ausverkauft gewesen. Tucholsky, Ringelnatz, Kästner, bereits mit seinen anderen Programmen ist das Duo auf ein dankbares Publikum gestoßen. Diesmal widmeten sich die Freunde für Leben vor vertraut-heimischer Kulisse sturen Bürokraten, durchgeknallten Managern, chaotischen Familien und traumatisierten Computernutzern. Buchhändlerin Martina Lange hatte schon zuvor versprochen: "Sie werden eine Überraschung erleben."

Viele der Texte stammten aus der eigenen Feder, bei anderen hatten Weidtmann und Czyborra in der großen Schatzkiste ihrer Lieblingsschriftsteller und -Kabarettisten  gekramt. Und so kamen die Zuhörer in den Genuss der vom unvergessenen Dieter Hildebrandt formulierten Bundestagsrede "Der Mond" frei nach Matthias Claudius, die Jörg Czyborra ebenso "in aller Entschiedenheit " vortrug. Zeugen einer einst von Kurt Tucholsky erdachten Familienszene wurden sie, die in ihrer sich steigernden  Dramatik wohl nur ein Mann mit Schauspielerfahrung wie Bernd Weidtmann ohne Verhaspler wiedergeben kann. Woher die Löcher im Käse kommen, das konnte indes selbst am Kabarettabend nicht geklärt werden.

Wie Werbestrategen es mit markigen Sprüchen  verstehen, Gehirnwindungen geschickt in andere Kauf-Bahnen zu  lenken, entlarvte das eingespielte Duo ebenso wie die miesen Tricks der Telefonwerber. Amüsant drehten die beiden Glückspilze den Spieß einfach um. Ihr denk-würdiges Programm spickten sie mit zeitpolitischen Themen und jeder Menge Lokalkolorit. Wenn Jörg Czyborra zur Gitarre griff und von der kleinen Jane sang, die vor verschlossener Hallenbad-Tür steht, weil das Becken "inkontinent" ist, dann nickten die Besucher wissend. Vorschriften-Wahn, er ist nur mit ganz viel Humor zu ertragen, finden die  Literatur-Kabarettisten  und verpackten ihn in einen aberwitzigen Dialog zwischen Gott und Arche-Bauer Noah. Noch einmal herzlich lachen konnte das Publikum bei der Zugabe. Um eine Sachbearbeiterin, die auf wirklich alle Befindlichkeiten der Mitarbeiter einzugehen versuchte, ging es dort. Zu viel für die arme Frau, das Publikum aber hätte gerne noch viel mehr gehört.


Bernd Weidtmann