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» Programm: So siehst du aus!

Neue Westfälische vom 18.01.2013

Abend mit kritischen Pazifisten

Bernd Weidtmann und Jörg Czyborra treffen Publikumsnerv

VON KARIN PRIGNITZ

Oerlinghausen. Geburtstagsfeier ohne offizielle Einladung und die Gäste strömen? Sowas gibt’s tatsächlich. Jedenfalls, wenn der Gastgeber Jörg Czyborra heißt. Er selbst verriet bis zum Ende nichts. Stattdessen ergriff Krimi-Autor und Freund Joachim Peters am Ende der überaus gelungenen Premiere von „So siehst du aus!“ das Wort und bat die mehr als 50 Besucher zum „Happy Birthday“.

Warum am Geburtstag (war es wirklich der 57. oder doch erst der 47.?) nicht das tun, was man am allerliebsten mag? Jörg Czyborra und der in Oerlinghausen immer wieder gern gesehene und gehörte Bernd Weidtmann hatten ihr Publikum schon vor dem vielstimmigen Gesang des Auditoriums mit einem literarisch-musikalischen Kabarett rund um die so unterschiedlichen Charaktere Kurt Tucholsky und Joachim Ringelnatz beschenkt.

Autoren der neuen Sachlichkeit, die in ihrem Denken und Fühlen wohl nicht gegensätzlicher hätten sein können. „Gleichwohl gab es Gemeinsamkeiten.“ Mit wenigen Worten den Sinn erfassen, menschliche Schwächen sezieren und köstlich sticheln, das konnten beide auf ihre ganz eigene Weise. Bei ihrem „kleinen Spaziergang durch die Werke von Tucholsky und Ringelnatz“ stellte das eingespielte Duo Gegensätze und Gemeinsamkeiten wunderbar nachvollziehbar heraus. Bernd Weidtmann als gewohnt in Stimm- und Mundart wandelbarer Rezitator, Jörg Czyborra mit seinem so einfühlsamen Gesang zu selbst vertonten Gitarrenklängen.

Hier der ein wenig verrückte, liebevolle Traumtänzer und skurrile Optimist Ringelnatz, dort der brillante Satiriker, Perfektionist, Kritiker und Essayist Tucholsky. Jörg Czyborra hatte ansprechende Texte und Gedichte herausgesucht, Bernd Weidtmann vor allem solche, die nicht schon in aller Ohren sind.

Beides fügten sie zu einem Programm, in dem das Rezitieren neben dem Erklären und dem Gesang eine ebenso harmonische wie humorvolle und anregende Einheit bildete. Dass sich sowohl Ringelnatz als auch Tucholsky als begnadete Spötter selbst über Nonsens stilvoll auslassen konnten, erfuhren die Zuhörer insbesondere beim Gedicht der berühmten „Schnupftabakdose“.

Einfach köstlich auch, wie Bernd Weidtmann alte Liebe nicht rosten ließ und Jörg Czyborra solch herrlichen Bödsinn wie „Der Ohrwurm“ vertont hatte. Ruhige Töne bestimmen den ersten Teil des kurzweiligen Abends, als Bernd Weidtmann von Ringelnatz als schwarzem Schaf der Familie erzählt, Jörg Czyborra das Gedicht „An meinen längst verstorbenen Vater“ zu leisen Gitarrenklängen singt oder Weidtmann die Distanz des Literaten im „erbarmungslosen Selbstportrait“ skizziert.

Und doch sind die Texte oft so skurril, dass unwillkürlich gelacht wird. Im Gegensatz zu Ringelnatz setzt sich Tucholsky in seinen Texten nie mit der Vergangenheit auseinander. Aus seinen Zeilen, etwa in den „unersättlichen Menschen“ wird vielmehr immer wieder die Unzufriedenheit deutlich, mit der er lebte. „Dass einer alles hat, ist selten.“

Und haben sie auch noch so wenig gemeinsam, Ringelnatz und Tucholsky sind glühende Pazifisten. Bernd Weidtmann hat eines der bekanntesten Gedichte gegen den Krieg herausgesucht: „Der Graben“. Eine Weile ist es danach ruhig, erst dann setzt der Applaus ein.

Auch mit dem Nazitum setzten sich die beiden wichtigen Literaten der Weimarer Republik auseinander. Ringelnatz machte sich über die Turnerbewegung lustig. Einfach unnachahmlich, wie Bernd Weidtmann stimmliche „Klimmzüge“ vollführt. „Klimme wacker, alter Knacker“. Dass Tucholsky sich ganz anders mit den üblen Bestrebungen auseinandersetzt, zeigt Jörg Czyborra beim „Asyl für Obdachlose“. Premiere gelungen.

Jeder auf seine Weise

Glückliche, traurige, skurrile Momente waren es, die das Duo Weidtmann & Czyborra auf dem Premierentablett servierte, das später kurzerhand zum Geburtstagstablett umfunktioniert wurde. „Tucholsky und Ringelnatz, beide halten uns den Spiegel vor, jeder auf seine Weise.“ Genau deshalb heißt das Programm „So siehst du aus!“ Ganz nebenbei erfuhren die Besucher eine Menge Wissenswertes aus dem Leben der rastlos reisenden Poeten. Von den emotionalen Defiziten Tucholskys, seiner Sehnsucht nach einer liebevollen Mutter, die mit emotionalen Texten wie „Muttern’s Hände“ oder „Sie zu ihm“ ausgedrückt wurden. Vom „scharfen Gänger“ Ringelnatz, der seine große Liebe Leonarda Pieper „Muschelkalk“ nannte. „Wir haben selbst viel über die beiden gelernt“, verrieten Czyborra und Weidtmann am Ende. (kap)

 


Bernd Weidtmann